Der Grüne Veltliner ist die meistangebaute Rebsorte Österreichs und nimmt etwa ein Drittel der gesamten österreichischen Rebfläche ein. Was diese Sorte so besonders macht, ist ihre außergewöhnliche Vielseitigkeit: Von leichten, spritzigen Alltagsweinen bis hin zu extraktreichen, lagerfähigen Prädikatsweinen, die mit großen Burgundern konkurrieren können, spannt sich die Bandbreite dieser faszinierenden Rebsorte.
Die Geschichte des Grünen Veltliners ist eng mit der österreichischen Weinkultur verwoben. Ihren internationalen Durchbruch erlebte die Sorte bei einer spektakulären Blindverkostung in London im Jahr 2002, bei der sie Spitzen-Chardonnays aus dem Burgund schlug und damit die Weinwelt aufhorchen ließ. Dieser Erfolg war kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit österreichischer Winzer, die das Potenzial dieser autochthonen Rebsorte erkannt und konsequent entwickelt haben.
Besonders bemerkenswert ist die markante Pfeffernote des Grünen Veltliners, die Weinkenner liebevoll als „Pfefferl" bezeichnen. Kombiniert mit einer lebendigen Säure und der Fähigkeit, schwierigste Speisen zu begleiten, hat sich der Grüne Veltliner zu einer Geheimwaffe in der Sommelerie entwickelt.
Bedeutende Anbaugebiete: Österreich (Weinviertel, Wachau, Kamptal, Kremstal, Wagram) 14.400 Hektar, Tschechien 1.800 Hektar, Slowakei 1.400 Hektar, Ungarn 1.200 Hektar, Deutschland (Rheinhessen) unter 100 Hektar
Primäre Aromen: Zitronenschale, Grapefruit, Limette, grüner Apfel, weißer Pfeffer, Steinobst (Pfirsich, Aprikose), frische Kräuter
Sekundäre Aromen: Honig, Nüsse, mineralische Noten, Bienenwachs, würzige Komponenten
Farbe: Blassgelb bis grünlich-gelb (jung), tief golden (gereift)
Alkoholgehalt: 11-14% vol. (Steinfeder bis 11,5%, Federspiel 11,5-12,5%, Smaragd ab 12,5%)
Serviertemperatur: 8-10°C (leichte Weine), 10-12°C (reife Smaragd-Weine)
Die Aromenwelt des Grünen Veltliners präsentiert sich vielschichtig und abhängig von Terroir und Ausbau. In der Nase dominieren klassische Noten von Zitrusfrüchten, allen voran Zitronenschale und Grapefruit, begleitet von Anklängen an grünen Apfel und Steinobst. Je nach Herkunft können sich auch florale Nuancen oder Anklänge an frische Kräuter zeigen.
Das charakteristischste Merkmal ist jedoch die Würze von weißem Pfeffer, die dem Wein seine unverwechselbare Identität verleiht. Diese Pfeffernote entsteht durch die chemische Verbindung Rotundon in der Beerenhaut, dieselbe Substanz, die auch dem Syrah seine pfeffrige Note verleiht. In Österreich wird diese typische Würze liebevoll als „Pfefferl" bezeichnet und gilt als Qualitätsmerkmal besonders gelungener Weine.
Hochwertige Exemplare mit einigen Jahren Flaschenreife entwickeln zusätzlich honigartige und nussige Aromen, die dem Wein eine bemerkenswerte Komplexität verleihen. Die Farbentwicklung verläuft parallel: Während junge Weine ein helles, fast grünliches Gelb zeigen, nehmen gereifte Exemplare eine tief goldene Farbe an.
Am Gaumen zeigt sich die wahre Stärke des Grünen Veltliners: Die hohe, durchdringende Säure verleiht dem Wein eine außergewöhnliche Frische und Lebendigkeit. Diese Säurestruktur ist das Rückgrat der Sorte und sorgt dafür, dass selbst reife, extraktreiche Weine nie schwer oder klebrig wirken.
Der Körper variiert erheblich je nach Herkunft und Ausbau. Leichte Exemplare aus dem Weinviertel präsentieren sich schlank und spritzig, oft mit einem feinen Kohlensäureprizz, der die Frische zusätzlich betont. Diese Weine sind unkompliziert und laden zum zweiten Glas ein. Im Gegensatz dazu stehen die kraftvollen Smaragd-Weine aus der Wachau, die einen vollen Körper, dichte Textur und eine beeindruckende Länge im Abgang aufweisen. Diese Weine besitzen die Struktur und das Alterungspotenzial großer Weißweine und können über Jahrzehnte reifen.
Die meisten Grünen Veltliner werden knochentrocken ausgebaut, wobei die hohe Säure selbst minimale Restsüße überdeckt. Dennoch gibt es auch edelsüße Varianten, etwa als Trockenbeerenauslese oder Eiswein, in denen die Säure die Süße perfekt ausbalanciert.
Die Wurzeln des Grünen Veltliners liegen tief in der österreichischen Weingeschichte verankert. Die Sorte ist eine natürliche Kreuzung aus Traminer (Savagnin) und der fast ausgestorbenen Rebsorte St. Georgen, die erst im Jahr 2000 im Burgenland wiederentdeckt wurde. Trotz seines Namens besteht keine genetische Verwandtschaft zum Roten oder Frühroten Veltliner, eine Tatsache, die häufig zu Verwirrung führt.
Den eigentlichen Aufschwung zur wichtigsten österreichischen Rebsorte erlebte der Grüne Veltliner nach dem Zweiten Weltkrieg. Entscheidend war die Einführung der Hochkultur-Erziehung durch Lenz Moser, die Erträge stabilisierte und gleichzeitig die Qualität verbesserte. Diese Innovation ermöglichte es den Winzern, die Sorte großflächig und wirtschaftlich erfolgreich anzubauen.
Der Grüne Veltliner bevorzugt kontinentales Klima mit warmen Tagen und kühlen Nächten. Diese Temperaturunterschiede fördern die Entwicklung der charakteristischen Aromen bei gleichzeitiger Bewahrung der Säurestruktur. Die besten Ergebnisse erzielt die Rebe auf Lössböden, wie sie im Wagram und Weinviertel vorkommen, sowie auf Urgesteinsböden aus Gneis und Granit in der Wachau, im Kremstal und Kamptal.
Das Weinviertel, Österreichs größtes Weinbaugebiet, ist besonders eng mit dem Grünen Veltliner verbunden. Hier wurde 2002 der erste österreichische DAC-Wein eingeführt – der Weinviertel DAC, ausschließlich aus Grünem Veltliner gekeltert. Die Weine aus dieser Region präsentieren sich meist frisch und pfeffrig, ideal für den unkomplizierten Genuss.
Die Wachau hingegen produziert die kraftvollsten Vertreter der Sorte. Das einzigartige Klassifikationssystem der Region unterteilt die Weine nach Mostgewicht und Alkoholgehalt: Steinfeder-Weine sind die leichtesten Varianten, Federspiel steht für klassische, mittelgewichtige Weine, und die Smaragd-Kategorie umfasst die reifsten, alkoholreichsten und lagerfähigsten Exemplare. Der Name Smaragd bezieht sich auf die smaragdgrüne Eidechse, die in den Weinbergen der Wachau heimisch ist.
Kamptal und Kremstal bilden ein weiteres Qualitätszentrum. Die Lössböden dieser Regionen verleihen den Weinen eine besondere Mineralität und Tiefe. Auch hier wurden eigene DAC-Qualitätsbezeichnungen etabliert, die die Herkunftstypizität betonen.
Über Österreichs Grenzen hinaus finden sich nennenswerte Bestände in den Nachbarländern Tschechien, Slowakei und Ungarn, wo die Sorte als Veltlínské Zelené oder Zöldveltelini bekannt ist. In den letzten Jahren wagen auch Winzer in Neuseeland, insbesondere in Central Otago, sowie in Australiens Adelaide Hills und vereinzelt in den USA Experimente mit der Sorte.
Die Wachau beherbergt einige der berühmtesten Namen der österreichischen Weinszene. Das Weingut F.X. Pichler gilt als Legende und produziert Grüne Veltliner von außergewöhnlicher Präzision und Alterungsfähigkeit. Franz Hirtzberger ist bekannt für seine eleganten, mineralischen Weine aus Spitzenlagen wie dem Singerriedel. Das traditionsreiche Weingut Knoll überzeugt mit kraftvollen Smaragd-Weinen, während Prager mit seinem Achleiten und Zwerithaler Weltklasse-Grüne Veltliner erzeugt. Die Domäne Wachau als größte Kellerei der Region bietet ein breites Qualitätsspektrum.
Im Kamptal zählt Schloss Gobelsburg zu den Vorreitern, die den Grünen Veltliner auf internationales Spitzenniveau gehoben haben. Bründlmayer erzeugt aus der legendären Lage Lamm regelmäßig Weine von außergewöhnlicher Tiefe. Im benachbarten Kremstal ist das Weingut Nigl für seine mineralischen, präzisen Veltliner bekannt.
Am Wagram hat Bernhard Ott die Lössterrassen zu seinem Markenzeichen gemacht und produziert charaktervolle Weine mit eigenem Profil. Im Weinviertel steht das Weingut Pfaffl für die typisch pfeffrige, frische Stilistik der Region.
Der Grüne Veltliner gilt unter Sommeliers als Geheimwaffe für schwierige Speisekombinationen. Seine hohe Säure und die würzige Komponente machen ihn zu einem äußerst vielseitigen Begleiter am Tisch.
Die klassische Paarung ist das Wiener Schnitzel, bei dem die Säure des Weins perfekt durch das Fett der panierten Kalbsschnitzel schneidet. Diese Kombination funktioniert so gut, dass sie zum kulinarischen Aushängeschild Österreichs geworden ist.
Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Grünen Veltliners, mit Gemüsesorten zu harmonieren, die als weinfeindlich gelten. Spargel, Artischocken und grüne Bohnen, die andere Weine oft überfordern, finden im Grünen Veltliner einen idealen Partner. Die krautigen, vegetabilen Noten des Weins spiegeln die Aromen des Gemüses wider, während die Säure für Ausgleich sorgt.
In der internationalen Küche zeigt sich die Vielseitigkeit der Sorte besonders eindrucksvoll. Zu Sushi und Sashimi passt der Wein hervorragend, da die Säure die Fettigkeit von rohem Fisch ausbalanciert und die Würze mit Sojasauce und Wasabi harmoniert. Meeresfrüchte aller Art, von Austern bis zu gegrilltem Fisch, profitieren von der Frische und Mineralität des Weins.
Scharfe asiatische Gerichte, sei es Thai-Curry oder Szechuan-Küche, werden durch die kühlende Wirkung des Grünen Veltliners gezähmt. Die Säure erfrischt den Gaumen zwischen den scharfen Bissen, während die Fruchtigkeit die Hitze mildert.
Die Serviertemperatur sollte bei leichten, jungen Weinen zwischen 8 und 10 Grad Celsius liegen, um die Frische zu betonen. Reife Smaragd-Weine vertragen 10 bis 12 Grad, damit sich die Komplexität voll entfalten kann. Ein klassisches Weißweinglas genügt, nur bei sehr alten Weinen kann eine kurze Dekantierung sinnvoll sein, um ihnen Luft zu geben.
Junge, leichte Grüne Veltliner sollten innerhalb von ein bis zwei Jahren getrunken werden, während hochwertige Exemplare aus guten Jahrgängen problemlos zehn Jahre und länger reifen können. Die Entwicklung im Keller lohnt sich, denn die Weine gewinnen an Komplexität und entwickeln jene honigartigen, nussigen Aromen, die sie zu ernsten Konkurrenten großer Weißweine aus aller Welt machen.
Wenn Ihnen Riesling schmeckt könnten Ihnen diese Rebsorten ebenso gefallen: