Rebsorte Tempranillo
Keine andere Rebsorte verkörpert das weinbauliche Erbe Spaniens so authentisch wie Tempranillo. Über Jahrhunderte hat sie die großen Rotweine von Rioja und Ribera del Duero geprägt und sich längst zu einer der einflussreichsten Sorten der internationalen Weinwelt entwickelt. Mit über 200.000 Hektar Anbaufläche weltweit steht Tempranillo heute an vierter Stelle der meistkultivierten Rotweinsorten und macht allein in Spanien etwa 42 Prozent der gesamten Rotweinproduktion aus.
Was an Tempranillo faszinieret, ist seine außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit: In den kühlen Höhenlagen von Rioja entwickelt Tempranillo burgundische Finesse und seidige Eleganz, während er in den kontinentalen Extremen der Ribera del Duero kraftvolle, tanninreiche Weine von beeindruckender Struktur hervorbringt.
Inhalte
Wissenswertes
Bedeutendste Anbauregionen:
Spanien (Rioja, Ribera del Duero, Toro, La Mancha), Portugal (Tinta Roriz/Aragonez), Argentinien, USA, Australien
Bedeutende Erzeuger:
Vega Sicilia, Dominio de Pingus, Marqués de Riscal, López de Heredia, Bodegas Muga, Artadi, Emilio Moro
Lagerung im Holzfass:
- Rioja-Klassifizierung: Crianza (min. 24 Monate gesamt, davon min. 12 Monate im Holzfass), Reserva (min. 36 Monate gesamt, davon min. 12 Monate im Holzfass), Gran Reserva (min. 60 Monate gesamt, davon min. 24 Monate im Holzfass)
- Ribera del Duero: Ähnliche Struktur, aber oft kürzere Fassreife (6-18 Monate)
- Fasstypen: Traditionell amerikanische Eiche (225L Barricas), moderne Erzeuger nutzen zunehmend französische Eiche oder eine Mischung beider
- Neue Welt: Meist 12-18 Monate, oft in neuen französischen Barriques für intensivere Holznoten
Alkoholgehalt: 11-15%
Synonyme:
Tinto Fino, Tinta del País, Cencibel, Ull de Llebre, Tinta Roriz, Aragonez, Tinta de Toro – über 80 verschiedene Namen zeugen von der weiten Verbreitung
Wie schmeckt Tempranillo?
Das Aromaprofil des Tempranillo ist außergewöhnlich vielfältig und hängt stark von Herkunft und Ausbau ab. Bei jungen Rotweinen und Rosados zeigen sich Aromen von frischen, reifen Erdbeeren. Bei gereiften Exemplaren treten Kirschnoten und dunkle Beerenfrüchte in den Vordergrund. Die charakteristischen Noten umfassen:
Fruchtige Aromen: Kirsche, Brombeere, Pflaume, Erdbeere, schwarze Johannisbeere
Würzige Noten: Lakritz, schwarzer Pfeffer, Wacholder
Durch Holzausbau: Vanille, Schokolade, Tabak, Leder, Zedernholz
Tempranillo zeichnet sich durch elegante Weiche und milde Tannine aus, weshalb die Weine im Gegensatz zu etwa Cabernet Sauvignon schon als Jungweine getrunken werden können. Die ausgewogene Säure und der moderate Alkoholgehalt machen ihn zu einem zugänglichen, harmonischen Wein.
Primäre Aromen
Sekundäre Aromen
Tannine:
Säure:
Körper:
Regionale Stilunterschiede
Die verschiedenen Anbaugebiete prägen den Tempranillo auf faszinierende Weise:
Rioja: Elegante, strukturierte Weine mit feiner Frucht und harmonischer Reife, geprägt durch traditionellen Ausbau in amerikanischer Eiche. Die Weine zeigen typische Aromen von Vanille und Kokos.
Ribera del Duero: Kraftvolle, konzentrierte Weine mit intensiven Aromen von dunklen Beeren, Gewürzen und mineralischen Nuancen. Hier entstehen tiefgründige, lagerfähige Weine mit beeindruckender Struktur.
Toro: Die wilde Seite des Tempranillo, kraftvolle und tanninreiche Weine mit intensiver Fruchtigkeit aus einem der härtesten Klimata Spaniens.
Bezeichnungen spanischer Rotweine
Joven/Roble:
Junge Weine mit wenig oder gar keinem Holzkontakt, die ihre pure Fruchtigkeit zur Geltung bringen.
Crianza:
Mindestens 24 Monate Reifung, davon mindestens 12 Monate in Eichenfässern. Diese Weine zeigen erste Holznoten und entwickelte Aromen.
Reserva:
Mindestens 36 Monate Reifung, davon mindestens 12 Monate in Eichenfässern. Komplexe, ausgewogene Weine mit deutlicher Prägung durch den Holzausbau.
Gran Reserva:
Eine Gran Reserva gibt es nur in herausragenden Jahrgängen. Sie reifen mindestens 5 Jahre lang, davon mindestens 24 Monate in Eichenfässern. Diese Flagschiffe der spanischen Rotweine können durchaus mit großen Bordeaux konkurrieren.
Herkunft und Name
Der Name Tempranillo leitet sich vom spanischen "temprano" (früh) ab und weist auf eine charakteristische Eigenschaft der Sorte hin: Seine frühreifen Trauben werden deutlich vor anderen Sorten wie etwa Garnacha oder Cabernet Sauvignon geerntet. Die Endung "-illo" ist eine spanische Verkleinerungsform und bezieht sich auf die kleinen, dickschaligen Beeren.
Genetische Untersuchungen aus dem Jahre 2012 ergaben, dass es sich bei Tempranillo um eine spontane Kreuzung der weißen Rebsorte Albillo Mayor mit der roten Benedicto handelt. Lange wurde vermutet, dass Zisterziensermönche die Sorte nach der Reconquista aus dem Burgund mitbrachten, doch DNA-Analysen belegen eindeutig ihren spanischen Ursprung im oberen Ebrotal.
Weltweite Verbreitung
Mit knapp 90% der weltweiten Rebfläche dominiert Spanien den weltweiten Anbau von Tempranillo. Dennoch hat die Sorte auch international Fuß gefasst:
Portugal: Als Tinta Roriz wichtiger Bestandteil von Portweinen und trockenen Rotweinen im Douro und Alentejo.
Neue Welt: Knapp 3% der weltweiten Rebfläche finden sich in Mendoza bis auf 1.800 Metern Höhe der argentinischen Anden. Auch in Australien, Chile und den USA entstehen bemerkenswerte Tempranillos mit oft fruchtigerem Charakter.
Bedeutende Erzeuger
Vega Sicilia: Spaniens prestigeträchtigstes Weingut und Pendant zu den Premier-Cru-Châteaux in Bordeaux. Der legendäre "Único" gilt als einer der größten Weine der Welt.
Dominio de Pingus: Verfolgt einen kompromisslosen Qualitätsanspruch mit Fokus auf extreme Konzentration, Tiefe und die Handwerkskunst kleinster Produktionen.
Marqués de Riscal: Seit mehr als 150 Jahren prägt das Weingut die Rioja Alavesa und gehört zu den traditionsreichsten Produzenten der Region.
López de Heredia: Die "Kathedrale der Rioja", kein anderes Weingut verkörpert die klassische Rioja-Tradition so authentisch. Ihre Weine reifen teilweise über ein Jahrzehnt im Fass.
Bodegas Muga: Familienbetrieb aus Haro, berühmt für ihre handwerkliche Perfektion und die Verwendung eigener Küfer. Der "Prado Enea" zählt zu den besten Gran Reservas.
Marqués de Murrieta: Seit 1852 eines der Pionierweingüter der Rioja und Mitbegründer des modernen spanischen Weinbaus. Die "Castillo Ygay" Gran Reserva ist eine lebende Legende.
Artadi: Pionier des modernen Rioja-Stils mit Fokus auf Terroir und Einzellagen-Philosophie. Revolutionierte die Region in den 1990er Jahren.
Emilio Moro: Führender Erzeuger in Ribera del Duero mit über 120-jähriger Familientradition und international anerkannten Weinen.
Numanthia: Spezialist für kraftvolle Tempranillo-Weine aus der extremen Höhenlage von Toro, bekannt für intensive, mineralische Weine mit außergewöhnlicher Konzentration.
Tempranillo zum Essen
Die Vielseitigkeit des Tempranillo macht ihn zu einem idealen Speisebegleiter. Klassische Tempranillo-Wein-Pairings finden sich in der spanischen Küche: die Rebsorte harmoniert perfekt mit Gerichten wie Jamón Ibérico, gegrilltem Lamm oder Chorizo a la sidra.
Junge Tempranillos passen hervorragend zu Tapas, gegrilltem Gemüse und würzigen Pastagerichten. Gereifte Reservas hingegen sind ideale Begleiter zu Lammbraten, Wildgerichten und kräftigen Schmorgerichten.
Käse-Kombinationen: Manchego ist der klassische Käse-Partner des Tempranillo. Die Trockenheit und lebendigen roten Fruchtaromen der spanischen Traube bieten eine ideale Kulisse für die leicht öligen, säuerlichen und intensiven Aromen des Manchego.
Servierempfehlungen
Die optimale Serviertemperatur liegt bei 16-18°C für junge Weine und 18-20°C für gereifte Exemplare. Ein großes Weinglas ermöglicht die volle Entfaltung der komplexen Aromen.
Häufige Fragen
Diese Begriffe beschreiben die gesetzlich geregelte Mindestreifezeit in Fass und Flasche, nicht die Qualität der Trauben. Joven ist ein Jungwein ohne Pflicht zur Fasslagerung. Crianza muss mindestens zwei Jahre reifen, davon mindestens zwölf Monate im Eichenfass. Reserva verlangt drei Jahre Reifezeit, davon ein Jahr im Fass.
Gran Reserva ist die höchste Stufe: mindestens fünf Jahre Reifezeit insgesamt, davon zwei Jahre im Eichenfass. Diese Weine stammen traditionell aus den besten Jahrgängen und sind erst nach langer Kellerreife im Handel. In der Praxis bedeutet das: Je höher die Klassifikation, desto mehr Holz, mehr Tertiäraromen und mehr Lagerpotenzial.
Die bekanntesten Herkunftsgebiete sind Rioja DOCa und Ribera del Duero DO. In der Rioja gilt Vega Sicilia Único als einer der renommiertesten Rotweine Spaniens überhaupt, ein Reserva aus Ribera del Duero mit teils jahrzehntelanger Kellerreife. Weitere Ikonen sind Bodegas Muga, La Rioja Alta und CVNE aus der Rioja.
Ribera del Duero hat mit Weingütern wie Pesquera, Pingus und Emilio Moro internationalen Ruf erlangt. In Portugal spielt Tempranillo als Tinta Roriz eine Schlüsselrolle in den großen Douro-Rotweinen und im Portwein. In Toro bringt Tinta de Toro unter anderem Weine von Numanthia und Pintia hervor, die zu den kraftvollsten Interpreationen der Sorte weltweit zählen.
Beide Appellationen stehen für Spaniens renommierteste Tempranillo-Weine, vertreten aber zwei grundlegend verschiedene Stile. Rioja liegt im Nordosten Spaniens auf 400 bis 700 Metern Höhe, das mildere Klima mit atlantischem Einfluss bringt elegante, fruchtig-würzige Weine mit feiner Struktur. Traditionell wird hier mit Garnacha und Mazuelo verschnitten, der Ausbau in amerikanischer Eiche prägt viele klassische Rioja-Weine.
Ribera del Duero liegt auf der kastilischen Hochebene auf 700 bis 900 Metern, die extremsten Temperaturbedingungen unter allen bedeutenden spanischen Weinbaugebieten: heiße Sommer, kalte Nächte, strenge Winter. Das Ergebnis sind konzentriertere, tanninreichere Weine mit tieferer Farbe und mehr Lagerpotenzial. Die DO schreibt mindestens 75 Prozent Tempranillo vor, Verschnitte mit Cabernet Sauvignon oder Merlot sind erlaubt. In Ribera del Duero entstehen einige der teuersten Rotweine Spaniens, darunter Pingus und Vega Sicilia Único.
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Über den Autor
Andreas Doktor ist Weinbetriebswirt (B.A.) der Hochschule Heilbronn und Gründer von Someliero.de. Er war mehrere Jahre in der Weinbranche tätig, arbeitete unter anderem für einen Weinhändler in Kanada und war bei einem der größten Versandhändler Europas am Aufbau eines Wein-Onlineshops für den schwedischen Markt beteiligt. Heute verbindet er seine Leidenschaft für Wein und gutes Essen mit seinen Erfahrungen im Web auf Someliero.de.
